Impostor‒Syndrom das Gefühl, „nur zufällig hier zu sein“
„Irgendwann merken sie, dass ich eigentlich nichts kann.“ Dieser Gedanke begleitet viele Menschen: Studierende kurz vor dem Abschluss, Berufseinsteiger:innen, erfahrene Fachkräfte oder Führungskräfte mit großer Verantwortung. Trotz objektiver Erfolge bleiben Zweifel an den eigenen Fähigkeiten bestehen. Dieses Erleben wird als Impostor-Syndrom oder Hochstapler-Phänomen bezeichnet. Betroffene empfinden ihre Leistungen als unverdient. Erfolge führen sie auf Glück, Zufall oder äußere Umstände zurück, während sie Fehler als persönliches Versagen erleben. Ihr inneres Narrativ lautet: „Ich bin nur zufällig hier und irgendwann werde ich entlarvt.” Wer ist betroffen? Das Impostor-Syndrom ist kein Randphänomen und betrifft Menschen unabhängig von tatsächlicher Kompetenz oder Expertise. Besonders häufig tritt es auf bei Personen, die: • hohe Erwartungen an sich selbst haben • sich stark über Leistung definieren • Verantwortung tragen oder neu übernehmen • sich in Übergangsphasen befinden (z. B. Studium → Beruf, Fachkraft → Führung) • sich häufig mit anderen vergleichen Gerade in neuen Rollen oder bei wachsender Verantwortung können Selbstzweifel zunehmen, selbst bei nachweislichen Erfolgen. Typische innere Muster und Anzeichen Viele Betroffene erkennen sich in Aussagen wie diesen wieder: • Ich werte meine positiven Eigenschaften ab. • Ich habe ständig Angst, dass meine Fehler aufgedeckt werden. • Ich fühle mich innerlich mangelhaft oder nicht liebenswert. • Ich neige dazu, mein wahres Ich zu verbergen. • Ich kann Lob nur schwer annehmen. Nach außen wirken viele leistungsfähig, souverän und kompetent. Die innere Unsicherheit, das Grübeln und die Anspannung bleiben oft unsichtbar. Häufige Begleiterscheinungen sind Perfektionismus, Überarbeitung, Angst vor Fehlern sowie emotionale Erschöpfung. Mögliche Wurzeln: Scham und das Gefühl von Unzulänglichkeit Aus schematherapeutischer Perspektive lässt sich das Impostor-Erleben häufig mit der Lebensfalle der Unzulänglichkeit oder Defekthaftigkeit verbinden. Viele Betroffene haben in Kindheit oder Jugend Erfahrungen gemacht, die dieses innere Muster begünstigt haben, etwa: • Abwertung oder Beschämung durch abfällige Bemerkungen • unerbittlich hohe Erwartungen und kaum erreichbare Standards • ständiger Vergleich mit anderen Die zentrale Emotion dieser Lebensfalle ist Scham, das schmerzhafte Gefühl, bei Offenlegung vermeintlicher Mängel abgelehnt oder beurteilt zu werden. Um diese Scham zu vermeiden, versuchen Betroffene oft, ihre (realen oder eingebildeten) Schwächen zu verbergen. Da diese Unsicherheit innerlich und unsichtbar ist, fällt es schwer, sich anderen mitzuteilen und so Entlastung zu erfahren. Warum das belastend sein kann Viele Menschen versuchen, ihre Zweifel durch noch mehr Leistung zu kompensieren. Kurzfristig kann das zu Anerkennung führen, langfristig steigt jedoch der innere Druck. Wenn Selbstfürsorge und Erholung vernachlässigt werden, ist die Wahrscheinlichkeit für chronischen Stress, Angstzustände, emotionale Erschöpfung oder Burnout höher. Was helfen kann • Eigene Gedankenmuster erkennen und hinterfragen • Erfolge bewusst wahrnehmen und realistischer bewerten • Lernen, Selbstwert von Leistung zu entkoppeln • Austausch mit anderen: Zweifel sind oft verbreiteter als gedacht • Bei anhaltender Belastung: psychologische Unterstützung in Anspruch nehmen Das Impostor-Syndrom ist kein Zeichen von Inkompetenz. Häufig zeigt es, dass Menschen engagiert sind, Verantwortung ernst nehmen und hohe Ansprüche an sich selbst stellen. Fazit Selbstzweifel sind menschlich. Wenn sie jedoch dauerhaft das Selbstwertgefühl beeinträchtigen oder das Wohlbefinden belasten, lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Psychologische Unterstützung kann helfen, innere Muster zu verstehen, Scham zu reduzieren und wieder mehr Sicherheit und Selbstvertrauen im eigenen Handeln zu gewinnen.
Wir arbeiten mit Hochschulen zusammen, um vertrauliche Unterstützung und gezielte Schulungen anzubieten, die auf die besonderen akademischen Gegebenheiten und institutionellen Ziele abgestimmt sind.
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Frank Haber
Dipl.-Psych.